Projekt Zauberbäume

 

Künstler Wilhelm Schall Plüderhausen Stuttgart, Kunst kaufen, mieten.

 

Einführung – Hin(ein)führung

 


Der 1953 geborene Künstler Wilhelm Schall trat mit seinem Werk erstmals 1988 an die Öffentlichkeit. Seither entwickelte er eine stete Ausstellungspraxis ebenso wie eine ganz individuelle Sprache in Struktur und Farbigkeit. Bereits in seinen ersten grafischen Werken zeigte sich die für ihn bis heute signifikante räumliche Komplexität und farbliche Ausdruckskraft. Seither ist der Autodidakt immer wieder durch zahlreiche Einzel- aber auch Gruppenausstellungen präsent. Zu seinen letzten größeren Projekten zählten in diesem und dem vergangenen Jahr Ausstellungen in der Galerie „Die Treppe“ (Kirchheim), in der Staufenhalle Plüderhausen, bei der Firma „PAYR Industriebau“ in Remshalden-Geradstetten, sowie bei „it-compact“ in Weinstadt-Endersbach. Im Rahmen dieser Einführung – Hin(ein)führung soll nun mit „Zauberbäumen“ Wilhelm Schalls jüngstes und zugleich komplexestes Projekt umfassend kommentiert und analysiert werden.

 

 

„Zauberbäume“ sind zugleich künstlerischer Ausdruck als auch interpretierendes Konstrukt der Schaffensphase des Jahres 2000. Schon im Titel „Zauberbäume“ klingt an, was die Kraft der Bilder dieser Phase ausmacht: Zauber der Farben, Zauber der Strukturen, Zauber der Bäume. Doch nicht nur im Strukturellen, sondern gerade im Assoziativen sollen sich hier Schnittflächen ergeben, sprechen die „Zauberbäume“ doch ihre ganz eigene, verwirrend fremde und zugleich wundersam vertraute Sprache. Diese Sprache findet Ausdruck in der Begegnung zwischen Künstler und Betrachter, zwischen Produktion und Rezeption.

 

 

Auch wenn im Titel „Zauberbäume“ sicherlich bereits erste Ansätze einer Interpretation vorbereitet und angedacht scheinen, muss es nicht als Widerspruch verstanden werden, dass der primäre Wille des Künstlers zunächst gar nicht auf der Darstellung und künstlerischen Verarbeitung des Baum-Motivs beruht. Vielmehr ist der Titel „Zauberbäume“ bereits ein erstes Konstrukt, eine erste Interpretation auf Basis einer zunächst als ursprünglich verstandenen Expression. Die Bäume sind dabei zugleich aber auch Chiffre der Expression selbst, ohne jedoch die Möglichkeit ausschließen zu wollen, dass gerade erst in dieser Expression ein wesentlicher Teil des individuellen Interpretationsvorgangs Gestalt gewinnen kann. So können aus diesen strukturreichen Monochromen farbstrotzende Landschaften hervortreten, die sich vor allem um den imaginierten Ort des Baumes drehen, ohne nach dem konkreten Raum fragen zu müssen und zu wollen. Hierin liegt sicherlich einer der Knackpunkte, der das gesamte Werk erst zum Ensemble werden lässt, ohne dabei die Kraft des Einzelbaums zurückdrängen zu wollen.

 

 

Um das Wesen der „Zauberbäume“ verstehen zu können, muss allerdings folgende Prämisse in ihren Konsequenzen bedacht werden. Die „Zauberbäume“ sind nicht Ergebnis eines naiven Abbildenwollens, das alleine auf die dokumentierende Greifbarkeit des Objekts im Sinne eines naiven Naturalismus setzen würde. Vielmehr muss sich schon im gesamten Prozess ihrer Entstehung, der immer wieder nach der Bedeutung der immanenten Expression fragt, die eigentliche Sinnhaftigkeit des Tuns widerspiegeln. Gerade darum kann in Analyse und Interpretation die Kommunikation zwischen Produktion und Rezeption als integrativer Kristallisationspunkt erkannt werden. Aufbauend auf diese grundsätzlichen Wesenzüge in der Kommunikation zwischen Rezipient und Produkt, lässt sich dann ein für den Künstler letzter aber wesentlicher Schritt in seinem Werk erklären, sind doch die „Zauberbäume“ für ihn Abbilder des Menschen selbst.

 

 

Wesentlich ist hierbei, dass nun aber der Mensch nicht bloß zum Baum und der Baum nicht bloß zum Menschen in eine Beziehung gesetzt wird. Dies würde sicherlich zu kurz greifen, muss doch für Wilhelm Schalls Werk erkannt werden, dass die Akzeptanz, wonach das Werk des Menschen immer auch Ausdruck seines Ichs ist und sich dieser Dialog nicht einfach nur im Artifiziellen fortsetzt, sondern direkt aus ihm selbst heraus entsteht, unbedingt im Vordergrund stehen muss. Daran zeigt sich, dass auch hier neuerlich die Bäume nicht nur in simpler Symbolik für den Menschen stehen, sondern die Frage dominiert, wie aus der eigenen Expression heraus überhaupt der Gedanke Werk werden konnte, dass eine Beziehung zwischen Baum und Mensch zu sehen sein soll, zu sehen sein muss.

 

 

Wilhelm Schall sieht in diesem Zusammenhang zwischen Ich und Werk, zwischen bewusstem Handeln und expressivem Tun den eigentlichen Ausdruck des Unbewussten aus der „Zwei-Einheitlichkeit“ des Menschen heraus. Im Motiv des Baumes werde für den Menschen klar, dass sich darin seine Seele ebenso spiegle, wie seine organische Anlage, in der Baum und Mensch im funktionalen Sinn als „Biocomputer“ zu verstehen seien. Erst aus diesem Zusammenhang heraus wird klar, dass da mehr sein muss zwischen Mensch und Baum, zwischen intellektueller Willentlichkeit und unterbewusster Expression des Künstlers. Und genau dieser im Werk Schalls spürbare Konnex lässt sich aus der anatomischen Struktur des Menschen heraus erklären, findet sich doch, quasi als ein mikrokosmischer Brennpunkt, zwischen den beiden Gehirnhälften das „Corpus callosum“. Dieser Teil des Gehirns vernetzt die beiden Gehirnhälften miteinander. Hierin wäre demnach aus anatomischer Sicht der eigentliche Kristallisationspunkt gefunden. Die „Zauberbäume“ werden so zum Ausdruck eines Ortes dazwischen, zwischen Materiellem und Vergänglichem, werden so zum Symbol, zum Symbol für die Verwurzelung des Menschen mit der Natur, mit dem Baum. All diese Kommunikation findet ihren Ausdruck im Corpus callosum als einem innersten Ort der Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst. Es mag daher nicht überraschen, dass in der chinesischen Philosophie der anatomische Namen für „Corpus callosum“ auch „Tor zum Himmel“ heißt.

 

Mit dem Wissen über das Corpus callosum und seine funktionale Struktur im expressiven Prozess, kann nun eine Analogie zur Arbeitsweise des Künstlers erklärbar werden. Wilhelm Schall macht in diesem Zusammenhang deutlich, wie wesentlich einerseits der ganz fließende Prozess des Schaffens ist, ohne dabei aber immer wieder auf ein intellektuelles Hinterfragen verzichten zu können. So arbeite er häufig ohne jede Form kreativer Fassbarkeit. Dieses Schaffen, Gestalten und Formen werde dabei zu einem direkten Ausdruck unterbewusster Willentlichkeit, die ihre kreative Kraft aber gerade aus dem vermeintlich ziel- und zügellosen Schaffen schöpfe. Erst wenn demnach „Ich“ und „Über-Ich“ dem Herauswollenden alle Wege öffnen, kann ein kreativer Ausdruck aus diesem reinen Fließen entstehen. Auch hier sei wieder erinnert, dass dieses Nebeneinader und Einhellige zwischen „Ich“ und „Über-Ich“ sicherlich anatomisch im Corpus callosum zu erkennen ist. Damit wird das Produkt, wird die materielle Expression, wird die reine Intuition zum Gegenstand des künstlerischen Ausdrucks selbst.

 

Daher ist neuerlich die Frage aufzugreifen: Muss nicht in der Interpretation dieses Prozesses eine Kommunikation zwischen Mensch und Baum, zwischen Realität und Realisierung, zwischen „Über-Ich“ und „Ich“ vorhanden sein? Für den Künstler ist diese Frage zentral und in ihrem Ergebnis niemals umstritten, muss doch die sinnhafte Erforschung dem anscheinend ziel- und zügellosen Schaffens nachgeordnet sein. Erst dann kann die Frage beantwortet werden, was ausgedrückt scheint und welche Rückkopplung dies auf das eigene Ich zulässt.

 

Gerade diese Rückkopplung führt wieder zurück zum alles beherrschenden Motiv und Symbol des Baumes. Dabei wird der Baum selbst zum assoziativen Ausgangspunkt der sinnhaften Erforschung und in seiner Eingebettetheit entsteht um ihn herum eine ganze imaginierte Landschaft. Möglich kann dies aber nur werden, wenn der Betrachter dieses Ergebnis sinnhafter Produktion als etwas Positives versteht und die Möglichkeit der Adaption anerkennt und annimmt. Gerade darum wird dem Künstler nicht zu entlocken sein, welche Assoziationen und imaginativen Leistungen schlussendlich gewollt und gewünscht sind. Erst wenn auch hier der Künstler alle Wege freigibt und freistellt, kann sich der Betrachter ganz dem „Zauber“ der eigenen Imagination hingegen. Erst damit wird eine Rezeption möglich, die keine Werte vorgibt und keine Ideale vorzeichnet. Diese Rezeption muss darum gerade in Verbindung mit Wilhelm Schalls Werk als Idealtyp verstanden werden.

 

Ein sicherlich wesentlicher Aspekt der Produktion, und das zeigen die hier bereits mehrfach angeführten Bindungsbezüge, wird demnach erst in der Rezeption fruchtbar, transparent und wirksam. Erst wenn man sich auf die Bilder einlässt, können sie den Rezipienten aufnehmen, ihn in sich hineinziehen und so zu einer sinnstiftenden Imagination gelangen.

 

In diesem Augenblick eröffnet sich dem Betrachter eine „Kopflandschaft“, die neuerliches Zeichen dafür ist, dass in der Summe von Expression und Impression der Anfang retrospektiver Assoziation und individueller Imagination liegen muss. Jetzt beginnen die „Zauberbäume“ eine Flut an Bildern nachzuerzeugen, freizulegen, aufzuwerfen. Jetzt erinnert der Betrachter. Und damit ist klar, dass auch hier der eigentliche Ort dieses Verschmelzens, dieses Ineinanderübergehens erneut im Corpus callosum liegen muss. Diese neuen, nur gedachten Bilder entstehen an der Schnittfläche zwischen Ratio und Irratio, an der Schnittfläche, die erst das erzeugen kann, was der Rezeption ihre immanente Spannung verleiht. Eine Schnittfläche, die auch den Bezug zwischen links und rechts, zwischen oben und unten erst zu einem solchen werden lässt. Es scheint, dass ohne das Corpus callosum die gesamte Rezeptionsleistung zusammenhangslos bliebe.

 

Im gesamten Werk Wilhelm Schalls spielt, und das haben die bis hierin erläuterten Merkmale seines Schaffens eindrücklich gezeigt, Komplexität im Sinne eines positiven Ineinanders eine elementare und zugleich sinnstiftende Rolle. Diese innere Komplexität setzt sich darum auch in seiner Gestaltungstechnik fort. Hierbei ist vor allem das emotional stark bindende Nebeneinander intensiver Farbigkeit und struktureller Dimensionalität anzusprechen. Die Farbigkeit ist im Werk Wilhelm Schalls das Ergebnis einer aufwändigen, stark sensitiv ausgerichteten Mischtechnik auf Acryl-Basis. Herbei werden die Acrylfarben in Kombinationen mit Gips, Leim, Malpaste und Papier verwendet. Doch auf eine stark differente Farbigkeit lässt sich Wilhelm Schall in seinem Gestalten nicht beschränken, weshalb er die Farben auf MDF-Platten aufträgt. Hier kann er, ohne den Malgrund besonders respektieren zu müssen, den eigentlichen Charakter seiner stark expressiven Technik ausleben und umsetzen. Nicht selten geschieht dies, neben dem klassischen Malwerkzeug, gerade auch mit wahrlich einschneidenden Werkzeugen wie etwa einem Stemmeisen. Doch kann erst in diesem reinen Fließen allen Ausdrucks eines individuellen Fühlens eine Übertragung auf die Werkzeuge möglich werden. Dann beginnt ein Prozess des Gestaltens, des reinen Tuns, der selbst in stärkster Form ein stetiges Fließen, ein wahres panta rhei wird. Darum greift der Künstler zu der Form, die in ihrer extremen Farbigkeit und ihrer dreidimensionalen Struktur dieses maximal expressive Äußern des Künstlers überhaupt ermöglicht. So entstehen Werke, die in ihrer Struktur greifbar werden und die sinnhafte Erfahrbarkeit zulassen.

 

Versteht man die „Zauberbäume“ auch als einen Konnex zwischen Farbe und Struktur, zwischen Impression und Expression, so wird hier wieder die komplexe Spannung deutlich. Ein Ausdruck dieser Spannung liegt sicher in der Vielfältigkeit der Monochrome, wobei sich in den Werken der sprachliche Widerspruch wie von selbst auflöst. Dies mag sicherlich daran liegen, dass im Gestalten des Künstlers Farbe und Struktur zu einer aneinander bedingenden und zugleich untrennbar verbundenen Einheit werden. So schaffen Farben und Strukturen ganz neue Wege zur Bilderschließung. Plötzlich gewinnt als ein anscheinend zweidimensionales System Höhen und Tiefen, Vorder- und Hintergründe, ein Oben und Unten. Daraus wiederum ergeben sich Lichtsituationen, die im Monochrom zu bunten und gar mehrfarbigen Strukturen führen, weshalb das Farbsystem Wilhelm Schalls zutreffenderweise als „Strukturfarben“ bezeichnet werden sollte.

 

Ganz in der Art dieses bidirektionalen Werkes kommt aber auch den Farben eine weitere Bedeutung zu, sollen sie doch für Mensch und Baum, für Ratio und Irratio gleichermaßen Lebenselixier sein. Gerade weil aber der Farbe in den „Zauberbäumen“ eine entscheidende Bedeutung zukommt, muss dies wiederum in eine sinnhafte Erörterung des Grundes ihres Auftretens münden. Aus dieser Perspektive heraus verliert auch die Farbe, ebenso wie das eigentliche Gestalten im Sinne der Imagination, jegliche Selbstverständlichkeit und wird so gleichermaßen bereits selbst Ausdruck des Fassens der individuellen Emotionen. Farbe wird so zu einem zentralen Lebensbedürfnis, welches sich etwa in Orange als einer der kommunikativsten Farben ausdrückt.

 

 

Abschließend sei nochmals einer der zentralen Gedanken des Anfangs aufgegriffen. Demnach seien die „Zauberbäume“ ein die Welt interpretierendes Konstrukt, welches dazu auf eine ganz eigene, verwirrend fremde und zugleich wundersam vertraute Sprache zurückgreife. Genau in diesen, anfänglich wie ein Widerspruch wirkenden Verknüpfungen von Produktion und Rezeption, von Künstler und Rezipient, von Ratio und Irratio und von „Ich“ und „Über-Ich“ kann ein Werkkontext entstehen, der sich niemals gegen Konkretion verschließt und gerade so für den Betrachter offen bleibt und ihn in seinem Teil der nachschaffenden Rezeption nicht einschränkt. Wilhelm Schalls Werk kann in diesem Sinne für sich in Anspruch nehmen, die immanenten Extreme seines Produzierens selbst noch im Prozess der Rezeption erlebbar gemacht zu haben, sind seine „Zauberbäume“ doch ebenso redundant wie offen.

 

© Frank Keller, 2002